Andacht zum 31. Januar 2021

„Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht;
es hat Hoffnung und Zukunft gebracht;
es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis, Not
und Ängsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit.“
(Hans-Hermann Bittger, Evangelisches Gesangbuch 591)

Ich grüße Sie zur Andacht zum nächsten Sonntag, dem letzten Sonntag nach Epiphanias.
Wir feiern sie im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Unsere Hilfe und unser Anfang stehen im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat,
der Bund und Treue hält ewiglich, und der nicht preisgibt das Werk seiner Hände.

Ich möchte Ihnen im Rahmen dieser Andacht die neu erschienene Ausgabe der Basisbibel vorstellen und bete mit uns den ersten Vers aus dem 27. Psalm nach dieser Übersetzung:

Der Herr ist mein Licht und mein Glück. Vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist der Schutz meines Lebens. Vor wem sollte ich erschrecken?

Liebe Gemeinde!

Ich halte hier eine nagelneue Bibelausgabe in den Händen: Die Basisbibel. Vor wenigen Wochen ist sie als gesamte Ausgabe für das Alte und das Neue Testament erschienen.
Diese Übersetzung orientiert sich nicht an der schönen und vielleicht vertrauten, aber für Ungeübte manchmal schwer verständlichen Sprachgestalt der Lutherbibel. Sie möchte Menschen durch ihre Sprache und durch viele kurze Sacherklärungen am Rand jeder Seite den Zugang zum Inhalt der Bibel erleichtern.
In den vergangenen Tagen ist diese Bibel an alle 26 Katechumenen*innen unserer Kirchengemeinde verteilt worden, „zum seligen Gebrauch“ hätte ich am liebsten dazugeschrieben, wie es früher in viele Traubibeln eingetragen wurde. Aber auch diese Formulierung hätte ich wohl dann übersetzen müssen. Gemeinsam den Worten auf den Grund gehen, können wir im Augenblick ja nicht.  

Und es lohnte sich dann auch sofort, den Predigttext für den kommenden Sonntag, den letzten Sonntag nach Epiphanias, in dieser Übersetzung nachzuschlagen.
Im 2. Petrusbrief im 1. Kapitel lauten die Verse 16 bis 19 so:

Wir haben euch ja angekündigt, dass unser Herr Jesus Christus machtvoll wiederkommen wird. Und dabei haben wir uns nicht auf ausgeklügelte, erfundene Geschichten gestützt. Sondern wir haben mit eigenen Augen seine wahre Größe gesehen.
Von Gott, dem Vater, empfing er seine Ehre und Herrlichkeit – aus der majestätischen Herrlichkeit Gottes kam eine Stimme zu ihm, die sagte: „Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.“ Diese Stimme haben wir selbst gehört. Sie kam vom Himmel her, als wir mit Jesus auf dem heiligen Berg waren.
So gewinnen die prophetischen Worte für uns noch an Zuverlässigkeit. Und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet. Denn diese Worte sind wie ein Licht, das an einem finsteren Ort brennt – bis der Tag anbricht und der Morgenstern in eurem Herzen aufgeht.

„Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht…“
Manches an diesen Worten aus dem 2. Petrusbrief ist uns vielleicht fremd, manches aber auch nur zu vertraut.
Der Mensch, der von seinem Glauben in diesem Brief an eine kleine christliche Gemeinde schreibt, muss sich ganz offensichtlich auseinandersetzen mit „ausgeklügelten, erfundenen Geschichten“, die im Umlauf sind; nicht auf Facebook und Twitter, sondern wohl eher mündlich verbreitet, aber nicht weniger gefährlich.
Was kann Fehlinformation und Lüge nicht alles anrichten?
Ihrer Opfer in der Vergangenheit haben wir in dieser Woche am 27.Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, und vielleicht auch am gestrigen Freitag im Rahmen der Berichterstattung über den Prozess zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke gedacht, darum wissend, dass unsere Gegenwart nicht im geringsten weniger durch Lug und Trug gefährdet und belastet ist.
Wer einmal Manipulation und Propaganda aufgesessen ist, haben mich meine Eltern gelehrt, bleibt sein Leben lang misstrauisch gegenüber großen Worten und einfachen Lösungen – zu recht.
So muss unser Briefschreiber mit aller Überzeugungskraft um seine Gemeinde kämpfen.
Er will mit seinen Worten nicht Macht über sie gewinnen und sich daran weiden und sie ausnutzen, sondern den Menschen, die im Dunkel ihrer Gegenwart leben, ein Licht am Ende des Tunnels zeigen.
Von der Wiederkunft Christi am Ende der Tage ist er fest überzeugt, und auch davon, dass die Hoffnung auf Leben darin begründet ist. Das ist für ihn das Licht des anbrechenden Tages und der Morgenstern, der in den Herzen der Menschen aufgehen soll.
In unserer Kirche blicken wir immer auf diesen Christus im farbigen Kirchenfenster im Chorraum, machtvoll in rot und blau gewandet, einladend und mit offenen Armen entgegen kommend.
Und trotzdem sind vielen heutigen Christenmenschen die Worte von der Wiederkunft Christi fremder als den ersten Generationen von Christinnen und Christen.
Zu viel Angst ist damit verbreitet worden vor einem grausamen Gericht Gottes, zu viel kirchlicher Machtmissbrauch damit betrieben worden.
Auch der Briefschreiber erliegt der Versuchung, seinen Worten damit Autorität zu verleihen, dass er sich als Zeitzeugen der Verklärung Jesu darstellt, von der im Evangelium dieses Sonntags im 17. Kapitel des Matthäusevangeliums erzählt wird. Als Jünger Jesu macht er auf die Gemeinde vielleicht mehr Eindruck. Das war vor 2000 Jahren nicht unüblich, aus unserer Sicht heute aber scheint es zumindest unredlich und vielleicht auch unnötig zu sein.
Die biblischen Worte sollen verstanden werden, in aller Vorläufigkeit, der die Grenzen unserer Erkenntnis ausgesetzt sind. Auch dazu dient eine immer wieder neue Übersetzung der Bibel.
Christlicher Glaube lebt immer in der Auseinandersetzung mit den jeweiligen Herausforderungen der Gegenwart.
Vor dem Kirchenfenster strahlt noch nach wie vor der Herrnhuter Stern. In diesem Jahr verspüre ich den inneren Wunsch, ihn noch lange leuchten zu lassen, weit über die Epiphaniaszeit hinaus. Aus dem Stern, der den Weg zur Krippe weist, zur Geburt dessen, auf den ich vertraue, wird der Morgenstern, Christus selbst, mit seinem Hoffnungsstrahl, der in die finstersten und hoffnungslosesten Ecken dieser Welt und meines Herzens einziehen will. Damit ich nicht im Finstern tappen muss oder gar anderen das Leben verfinstere und den Weg nach Haus finde.

Amen.  

Ich bete mit den Worten des Epiphaniasliedes von Johann Gottfried Herder (Evangelisches Gesangbuch 74):

Du Morgenstern, du Licht vom Licht,
das durch die Finsternisse bricht,
du gingst vor aller Zeiten Lauf
in unerschaffner Klarheit auf.
Du Lebensquell, wir danken dir,
auf dich, Lebend`ger, hoffen wir;
denn du durchdrangst des Todes Nacht,
hast Sieg und Leben uns gebracht.
Du ew`ge Wahrheit, Gottes Bild,
der du den Vater uns enthüllt,
du kamst herab ins Erdental
mit deiner Gotterkenntnis Strahl.
Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht,
führ uns durch Finsternis zum Licht,
bleib auch am Abend dieser Welt
als Hilf und Hort uns zugesellt.
Amen.