Andacht zum 28. Februar 2021

Andacht zum 28. Februar 2021

Der Friede des Herrn sei mit euch allen.
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Unsere Hilfe und unser Anfang stehen im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat,
der Bund und Treue hält ewiglich,
und der nicht preisgibt das Werk seiner Hände.
Amen

 „Reminiscere“ – „Gedenke, Gott, an deine Barmherzigkeit und Güte“,
so heißt der 2. Sonntag der Passionszeit, der vor uns liegt –
eine Aufforderung und Bitte an Gott aus dem 25. Psalm.
„Wachet und betet“ –
zwei weitere Aufforderungen und Bitten gehören zu diesem Sonntag,
Jesu Bitten an seine Jünger bei ihm zu bleiben
und zu wachen in der Nacht seiner Angst und Zweifel im Garten Gethsemane.


Ich bete mit uns Worte aus dem 25. Psalm:
  
Zu dir, Herr, trage ich,
was mir auf der Seele liegt.
Mein Gott, auf dich vertraue ich.
Lass mich keine Enttäuschung erfahren!
Sonst triumphieren meine Feinde über mich.
Es wird ja keiner enttäuscht, der auf dich hofft.
Enttäuscht wird nur der, der dich treulos verlässt.
Zeige mir deine Wege, Herr,
und lehre mich, deinen Pfaden zu folgen!
 Lass mich nach deiner Wahrheit leben und lehre mich!
Denn du bist es, Gott, der mir hilft!
Auf dich hoffe ich den ganzen Tag!
Denk an deine Barmherzigkeit und Güte, Herr!
Denn schon seit Urzeiten bestehen sie.
Aber an meine Vergehen sollst du nicht denken –
auch nicht an meine Sünden aus meinen Jugendtagen!
Denk an mich so, wie es deiner Güte entspricht!
Du meinst es doch gut mit mir, Herr. Amen.
(Psalm 25,1-7; Basisbibel)

 

„Seht hin, er ist allein im Garten. Er fürchtet sich in dieser Nacht, weil Qual und Sterben auf ihn warten und keiner seiner Freunde wacht“, so fasst Friedrich Walz in seinem Passionslied, dessen Melodie wir eben gehört haben, zusammen, was im Matthäusevangelium im 26. Kapitel so lautet:
Dann kam Jesus mit seinen Jüngern zu einem Garten, der Getsemani hieß.
Dort sagte er zu seinen Jüngern: „Bleibt hier sitzen. Ich gehe dort hinüber und bete.“ Er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit. Plötzlich wurde er sehr traurig, und die Angst überfiel ihn. Da sagte er zu ihnen: „Ich bin verzweifelt und voller Todesangst. Wartet hier und wacht mit mir.“
Jesus selbst ging noch ein paar Schritte weiter. Dort warf er sich zu Boden und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, dann erspare es mir, diesen Becher auszutrinken! Aber nicht das, was ich will, soll geschehen – sondern das, was du willst!“
Jesus kam zu den drei Jüngern zurück und sah, dass sie eingeschlafen waren. Da sagte er zu Petrus: „Könnt ihr nicht diese eine Stunde mit mir wach bleiben? Bleibt wach und betet, damit ihr die kommende Prüfung besteht! Der Geist ist willig, aber die menschliche Natur ist schwach.“
Dann ging er ein zweites Mal einige Schritte hinweg und betete: „Mein Vater, wenn es nicht anders möglich ist, dann trinke ich diesen Becher. Es soll geschehen, was du willst.“
Als er zurückkam, sah er, dass seine Jünger wieder eingeschlafen waren. Die Augen waren ihnen zugefallen. Jesus ließ sie schlafen. Wieder ging er weg und betete ein drittes Mal mit den gleichen Worten wie vorher. Dann ging er zu den Jüngern zurück und sagte zu ihnen: „Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus? Seht: Die Stunde ist da! Jetzt wird der Menschensohn in die Hände der Sünder ausgeliefert. Steht auf, wir wollen gehen. Seht: Der mich verrät, ist schon da!“
(Matthäus 26,36-46; Basisbibel)

 

Liebe Gemeinde!
Immer noch ist Nacht. Wer in der vergangenen Woche gehört hat, wie Judas nach dem gemeinsamen Mahl in die Nacht hinausging, wird sich erinnern. Aber es keine Nacht, in der Jesus mit den übrigen Jüngern zur Ruhe kommt, aufatmen, ablegen kann, was belastet und Sorgen bereitet. Wer die Passionsgeschichte Jesu kennt, weiß, dass sich nach dieser Nacht bis zur Kreuzigung Jesu die Ereignisse überschlagen werden.

Jesus zieht sich im Garten am Ölberg zum Gebet zurück. Anders als in der Wüste oder auf dem Berg oder am anderen Ufer des Sees aber nicht, um dort völlig allein zu sein mit Gott. Er hofft auf den Beistand der Jünger, vor allem der drei, die namentlich genannt werden, Petrus, Johannes und Jakobus. Ihnen offenbart er seine Angst.
Die zutiefst menschlichen Züge, die Jesus hier zeigt, haben Menschen an dieser Geschichte seit jeher fasziniert und getröstet. Wohl jeder Mensch kennt das Gefühl der Angst und Verlassenheit und nicht wenige sicher auch das Gefühl der Todesangst und das Bedürfnis, darin nicht allein zu sein. Die Nähe von Menschen, die die Furcht zwar nicht nehmen können, aber allein durch ihr Dasein und Nahsein die eigene Not zu tragen helfen, gehört zu den wichtigsten Liebesdiensten, die wir einander erweisen können. Wie weh hat es seit Beginn der Pandemie getan, wenn ausgerechnet diese Nähe nicht geschenkt werden durfte. Die Worte, die Jesus betet, stammen aus seiner jüdischen Gebetstradition, den Psalmen und dem Achtzehnbittengebet, aus dem das Vaterunser entstanden ist. Wir hören die Bitte des Vaterunsers sofort heraus: Dein Wille geschehe. Aber auch, wie schwer es fallen kann, diese Bitte auszusprechen. Jesus drängt es nicht nach einem heldenhaften Märtyrertod. Auch wenn in der Wiederholung des Gebets sein Einverständnis in Gottes Willen wächst, bleibt es doch mehr ein Bekenntnis mit Zittern und Zagen.

Jesu Bitte an die Jünger besteht allein darin, ihm in seiner Verzweiflung und Furcht beizustehen, mit ihm auszuhalten:
„Wartet und wacht.“
Er erwartet nicht, dass sie ihn überzeugen und ihm Mut zusprechen.
Aber er findet sie drei Mal schlafend vor. Und sein Verständnis für typisch menschliche Schwäche wandelt sich zuletzt in bitter klingende Ironie: „Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus?“

Liebe Gemeinde!
Nichts gegen erholsamen Nachtschlaf zum Kraftschöpfen und Gesundwerden oder –bleiben, aber hier geht es wohl nicht um den Schlaf des Gerechten, sondern um etwas anderes, um die Flucht in den Schlaf, um der Wirklichkeit, und manchmal eben auch der traurigen, unveränderlichen, schmerzhaften Wirklichkeit zu entfliehen. Bei „Jesus bleiben“ bedeutet hier, mit ihm aushalten, sein Kreuz nicht wegblenden oder überspringen. Und die, die vorher da den Mund recht vollgenommen hatten, erleben zum ersten Mal, wie schwer es ist, den Worten Taten folgen zu lassen. Ich erinnere mich, wie wir mit dem Ökumene- Arbeitskreis bei einer der Stationen des ökumenischen Kreuzwegs hier in Recke vor 20 Jahren uns unsere Fluchtwege bewusst gemacht haben, um die Kreuze unserer Gegenwart auszublenden. Ablenkung tut manchmal gut, aber sie kann auch zu einer Selbstvernebelung und –täuschung werden.

„Schläfst du immer noch?“ Seit langer Zeit höre ich diese Frage auch an mich gerichtet, wenn es darum geht „zu bleiben“, nicht auszuweichen oder schmerzhafte Wirklichkeit zu verdrängen, weil sie mir nicht unmittelbar auf den Pelz rückt. Wach zu bleiben und die Augen nicht zu verschließen, dazu fordern uns die jungen Menschen auf, die die Folgen des Klimawandels sehr viel deutlicher vor Augen haben als Menschen meiner Generation, die heimlich hoffen, dass dieser „Kelch an ihnen vorüber geht“. Oder die Frauen aus Vanuatu, dem diesjährigen Gastgeberinnenland des ökumenischen Weltgebetstags am nächsten Freitag. Die verheerenden Zyklone, die über diesem Südseeinselstaat zunehmend wüten und der ständig steigende Meeresspiegel lassen sie schon jetzt unter den Folgen des jahrzehntelangen weltweiten Wegschauens leiden.
Ich bin dankbar, wenn ich zum Wachbleiben ermuntert werde durch Menschen, die zu uns kommen in ihrer Not und Unterschlupf suchen und mich daran erinnern, wie privilegiert ich mein Leben hier führen darf.
„Reminiscere“ – die Bitte des Psalmbeters zu Gott, sich an das zu erinnern, was er Gutes getan hat und mit ihm vorhat, wird an diesem Sonntag auch zur Aufforderung an uns selbst, uns der Güte und Barmherzigkeit Gottes zu erinnern und mit dem Bleiben, Wachen und Beten dankbar zu erwidern.
Amen.

 

Seht hin, er ist allein im Garten, er fürchtet sich in dieser Nacht,
weil Qual und Sterben auf ihn warten und keiner seiner Freunde wacht.

Du hast die Angst auf dich genommen, du hast erlebt wie schwer das ist.
Wenn über uns die Ängste kommen, dann sei uns nah, Herr Jesu Christ.

(EG 95,1)

 

Fürbittengebet:

Gott, wir bitten dich für die, die mit anderen aushalten:
in den Hospizen, in den Krankenhäusern und Pflegeheimen,
zuhause am Kranken- oder Pflegebett,
in den Flüchtlingslagern oder in der manchmal langwierigen
und anstrengenden Begleitung von Menschen,
die Hilfe und Begleitung brauchen, oft ohne Aussicht auf Veränderung.

Schenke ihnen immer wieder durch deinen heiligen Geist Kraft und Hilfe.
Lass sie durch andere Unterstützung und echte Anerkennung erfahren.


Wir bitten dich für die, Ihre Augen verschließen aus Angst oder Mutlosigkeit,
dass sie sich wecken und aufrichten lassen durch Gottes erinnerndes
und aufmunterndes Wort und die Gemeinschaft mit anderen.


Wir bitten dich für die, die aus Angst vor der Zukunft keine Ruhe finden,
dass die Nähe und der Beistand anderer sie trösten und halten.
Amen.