Andacht zum 21. Februar 2021

Andacht zum 21. Februar 2021

Der Friede des Herrn sei mit euch allen.
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Unsere Hilfe und unser Anfang stehen im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat,
der Bund und Treue hält ewiglich,
und der nicht preisgibt das Werk seiner Hände.
Amen


Ich bete mit uns nach Worten des 91. Psalms,
der zu diesem Sonntag Invokavit, dem ersten Sonntag der Passionszeit,gehört:


Unter dem Schatten deiner Flügel, Gott, bin ich geborgen,
und unter deinem Schirm bin ich wohl behütet.
Du bist für mich wie eine Burg, auf der ich geborgen bin,
wie ein Fels, auf dem ich sicher wohne.
Du gibst mir Hoffnung, dass ich nicht verloren gehe
und schenkst mir Zuversicht, dass ich vor Gefahr bewahrt werde.
Du errettest mich aus den Stricken des Jägers
und bewahrst mich vor tödlicher Krankheit.
Deine Wahrheit ist mir wie ein Schild,
sie bewahrt mich vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
und vor den Gefahren der Nacht.
Unter deinen Fittichen beschützt du mich mit deiner Liebe
und schenkst mir Zuflucht vor der Seuche,
die mich verderben will.
… Denn du, Gott, hast deinen Engeln befohlen,
dass sie mit mir sind auf meinen Wegen,
dass sie mich bewahren vor dem Übel
und ich meinen Fuß nicht an einen Stein stoße. …
Unter dem Schatten deiner Flügel, Gott,
bin ich geborgen, und unter deinem Schirm bin ich wohl behütet.
Amen.

 

Liebe Gemeinde!
„Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken, mich in das Meer der Liebe zu versenken.“ - Dieses Passionslied von Christian Fürchtegott Gellert singen wir zumeist am Beginn des ersten Gottesdienstes der Passionszeit. Die Zeit, in der wir den Leidensweg Jesu bedenken, ist ein Weg, den wir in die Tiefe gehen – auch der Meeresgrund dieser Liebe ist dunkel.
In der Tiefe lassen sich Schätze finden, manche haben das vielleicht beim Aufräumen der Kellerräume bemerkt, aber auch manches, was sich nicht einfach entsorgen lässt, sondern immer wieder in die Hände genommen werden muss, auch wenn`s schwer fällt.
Der Predigttext für Sonntag ist vielleicht ein solches Wort aus der Tiefe, verstörend und doch ganz deutlich eine Wirklichkeit benennend, die auch zu uns Menschen gehört. Er ist Teil der Passionsgeschichte im Johannesevangelium und schließt sich unmittelbar an die Geschichte von der Fußwaschung an:  

„Als Jesus dies gesagt hatte, war er im Innersten tief erschüttert.
Er erklärte ihnen: „Amen, amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten.“

Da sahen sich die Jünger ratlos an und fragten sich: „Von wem spricht er?“
Einer von seinen Jüngern, den Jesus besonders liebte, lag bei Tisch an der Seite von Jesus. Ihm gab Simon Petrus ein Zeichen. Er sollte Jesus fragen, von wem er gesprochen hatte. Der Jünger lehnte sich zurück zu Jesus und fragte ihn: „Herr, wer ist es?“ Jesus antwortete: „Es ist der, für den ich ein Stück Brot in die Schüssel tauche und dem ich es gebe.“ Er nahm ein Stück Brot, tauchte es ein und gab es Judas, dem Sohn von Simon Iskariot.
Sobald Judas das Brot genommen hatte, ergriff der Satan Besitz von ihm. Da sagte Jesus zu ihm: „ Was du tun willst, das tue bald!“ Von den anderen am Tisch verstand keiner, warum Jesus das zu Judas sagte. Weil Judas die Kasse verwaltete, dachten einige, dass Jesus zu ihm gesagt hatte: „Kauf ein, was wir für das Fest brauchen.“ Oder sie dachten, Jesus hat ihm aufgetragen, den Armen etwas zu geben. Als Judas das Stück Brot gegessen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.“
(Johannes 13,21-30, Basisbibel)
Auf den Boden, in die Tiefe, war Jesus vor seinen Jüngern bei der Fußwaschung gegangen als Sinnbild für seinen Auftrag. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen…“(Mk 10,45).

 Und doch hatte er wohl erkannt , dass nicht alle von denen, die ihm gefolgt waren, seinen Liebesdienst annehmen konnten und ist darüber innerlich tief erschüttert. Wie sollten die Jünger es auch verstehen können, welchen Weg Jesus bereits vor sich sah?
Vor unseren Augen entsteht ein Bild: Da sind die Jünger Jesu, gerade noch in der Verbundenheit bei der Fußwaschung und beim gemeinsamen Essen an einem Tisch, und dann ein Wort Jesu, das diese Gemeinschaft wie ein Pfeil trifft: „Einer von euch wird mich verraten.“ Anders als in anderen Evangelien fragen hier die Jünger nicht: „Doch nicht etwa ich?“ (Mk 14,19), sondern: „Wer ist es?“ Gut, wenn ein Schuldiger benannt werden kann, auf den sich dann alle Aufmerksamkeit konzentriert. Nur die beiden Jünger, die Jesus hier nahe liegen bei Tisch, Johannes und Simon Petrus, hören seine Antwort: „Es ist der, für den ich ein Stück Brot in die Schüssel tauche und dem ich es gebe“ (Joh 13,26). Die anderen bleiben weiter ahnungslos. Hilft Jesu Antwort weiter? Mir nicht.
Warum wendet einer die Treue zu Jesus in Verrat?
 Weil die Macht des Bösen von ihm Besitz ergriffen hat? Der Predigttext selbst und die biblischen Lesungen für den Sonntag Invokavit, aus dem Alten Testament von der Verbannung aus dem Paradies oder das Evangelium von der Versuchung Jesu, legen dies nahe.

Sicher nicht aus Geldgier, wie Judas lange bösartig unterstellt wurde, mit schrecklichen Folgen für jüdische Menschen, leider bis zum heutigen Tage. Denn mit den berühmten 30 Silberlingen ließ sich schon damals keine Revolution gegen die Römer finanzieren.
Aus Enttäuschung, dass Jesus keinen Staatsstreich, sondern „nur“ die Liebe Gottes im Sinn hatte, mit ihm also „kein Staat zu machen“ war? Vielleicht.
Nicht Judas, sondern Jesus bestimmt hier die Szene. Er reicht Judas das Brot, das, so hat es Paulus formuliert, „er sich selbst zum Gericht isst“ (1.Kor 11,29 nach der Lutherbibel) .
Für mich persönlich, liebe Gemeinde, taucht hier, wie immer wieder in der Passionsgeschichte Jesu, die nicht beantwortete Frage auf, warum Gott Menschen in der Leidensgeschichte Jesu solche Rollen zuteilt. So sieht es zumindest aus. Als seien sie Marionetten in seinem Heilsplan. Letztendlich verbirgt sich dahinter die Frage, warum Gottes Weg der Liebe zum Leben durch das Kreuz führt.
Die Geschichte des Judas verläuft danach nur noch in der Dunkelheit: „Es war aber Nacht“, so lauten die letzten Worte unseres Predigttextes. Sein Weg führt nicht mehr zurück in die Gemeinschaft. Sein Name ist bis heute ein Synonym für Verrat; der „Judaskuss“, der nur in den anderen Evangelien Erwähnung findet, ist sprichwörtlich geworden.
 
Der Platz des Judas am Tisch wird in der nachösterlichen Gemeinschaft der Jünger nicht Erinnerungs-Leerstelle, sondern wieder neu besetzt. Immerhin gibt es in der römisch-katholischen Kirchen einen Heiligen seines Namens, der besonderer Fürsprecher für Menschen in größter Verzweiflung ist, was die christlichen Kirchen bis in das vergangene Jahrhundert nicht davor bewahrt hat, Menschen, die Suizid begangen hatten, die christliche Bestattung zu verweigern und ihnen auch kein Grab auf ihren Friedhöfen zu gewähren, sie also über ihren Tod hinaus aus der Gemeinschaft auszustoßen.

Der Weg Jesu zum Kreuz, den er schon vor sich sah im letzten Beisammensein mit den Jüngern, ist im Johannesevangelium ein Weg ins Gebet. Jesus betet nicht nur für sich selbst in seiner Angst wie auch im Garten Gethsemane, sondern auch für die Jünger, denen allesamt angst und bange wird vor Sterben und Tod und der Ungewissheit dessen, was darauf folgt.
Und der Auftrag, den er ihnen gibt, besteht nur in einem neuen Gebot, das nur wenige Verse später genannt wird: „Liebt einander. Wie ich euch geliebt habe, sollt ihr einander lieben“ (Joh 13,34).

Liebe Gemeinde!
Nicht nur in der Passionszeit gehen Menschen in die Nacht , in die Nacht ihrer Ängste vor der persönlichen wie der weltweiten Zukunft. Nicht nur in der Passionszeit verstricken sich Menschen in der Dunkelheit ihrer Gedanken, auch in Gedanken von Hass und Zerstörung. Das Gedenken an die Menschen, die dem Mordanschlag in Hanau zum Opfer gefallen sind, hat uns das am Freitag noch einmal wieder in Erinnerung gerufen. Der Weg in der Passionszeit ist immer auch ein Weg in die Nacht, in die Tiefe auch der eigenen Abgründe.
Ob Jesu Weg in das Gebet und den Auftrag zur Liebe, „ora et labora“ gewissermaßen, für uns ein Geländer auf dem Weg durch diese Zeit sein kann?
Denn der Weg durch die Passionszeit ist für uns Christinnen und Christen ja auch ein Weg durch die Dunkelheit ins Licht, am Anfang der Passionszeit noch weit entfernt, aber doch schon bewusst und mit einem Ziel vor Augen.
„Wir müssen uns immer wieder sehr lange und sehr ruhig in das Leben, Sprechen, Handeln, Leiden und Sterben Jesu versenken, um zu erkennen, was Gott verheißt und was er erfüllt. Gewiss ist, dass im Leiden unsere Freude, im Sterben unser Leben verborgen ist; gewiss ist, dass wir in dem allen in einer Gemeinschaft stehen, die uns trägt“ (Dietrich Bonhoeffer, EG 90).
Amen.

Ich bete die Worte des Wochenlieds (EG 347) von Josua Stegmann (1627):

Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ,
dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.

Ach bleib mit deinem Worte bei uns, Erlöser wert,
dass uns sei hier und dorte dein Güt` und Heil beschert.

Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht;
dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht.

Ach bleib mit deinem Segen bei uns, du reicher Herr,
dein Gnad und all's Vermögen in uns reichlich vermehr.

Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.

Amen.